Schnell erfahren – sicheres Starten und Landen


Wo sollte ich mich für einen sicheren Start des Kites positionieren? Wann hake ich den Chickenloop am Trapezhaken ein und wie kommuniziere ich mit dem weit entfernt stehenden Start- und Landehelfer? Kiteexperte und Sportwissenschaftler Timo Sternemann erläutert die wichtigsten Schlüsselaspekte für einen sicheren Start- und Landevorgang.

Schnell erfahren – sicheres Starten und Landen


Wo sollte ich mich für einen sicheren Start des Kites positionieren? Wann hake ich den Chickenloop am Trapezhaken ein und wie kommuniziere ich mit dem weit entfernt stehenden Start- und Landehelfer? Kiteexperte und Sportwissenschaftler Timo Sternemann erläutert die wichtigsten Schlüsselaspekte für einen sicheren Start- und Landevorgang.

Falls du dir Timos Anleitung zum richtigen Start- und Landevorgang lieber ansehen möchtest, gibt es dazu auch ein Video-Tutorial:


Wer Kiter dabei beobachtet, wie sie über das Wasser heizen oder in schwindelerregender Höhe darüber hinwegfliegen, dem fällt es nicht schwer, zu glauben, dass es sich hier um eine Sportart mit durchaus relevantem Verletzungsrisiko handelt. Was hingegen kaum jemand weiß: Die meisten Unfälle finden beim Start- und Landevorgang statt und nicht auf dem Wasser während der Session. Gerade dann ist das Unfallrisiko besonders hoch, weil der Sportler an Land nicht selten mit Hindernissen wie Bäumen, Häusern, Zäunen, Schildern, Fahrrädern, Autos oder Fußgängern konfrontiert wird. Daher gilt als Grundvoraussetzung, dass Kiter ihren Schirm immer so weit wie möglich von Hindernissen entfernt starten sollten. Mindestens zwei Leinenlängen Abstand gilt es einzuhalten, besser mehr. Sofern sich die Möglichkeit bietet (Stehrevier, Boot), ist es empfehlenswert, den Startvorgang ins Wasser zu verlegen, da Stürze dann ungefährlicher ausfallen. Die Position des Kites ist auch aus Sicherheitsgründen wichtig, zugleich aber auch für den Starthelfer relevant und liegt im besten Fall an einer Stelle, wo der Wind möglichst konstant weht und keine Windverwirbelungen entstehen.

Der Start- und Landehelfer übernimmt einen wichtigen Job für die Sicherheit. Er hat das Gelingen des Manövers in Form des Kites sozusagen in der Hand und muss vorher eingewiesen werden. Er hält den Kite mit beiden Händen in der unteren Hälfte (unterhalb der Mittelstrut) und sorgt dafür, dass sein Kopf hinter der Fronttube bleibt (Bild 1). Der Kite soll ihm beim Start schließlich nicht ins Gesicht fliegen. Darüber hinaus bleibt der Helfer einfach nur in dieser Position stehen und lässt auf das Signal des Kiters hin (Daumen hoch) den Kite los. Mehr nicht. Im Idealfall regelt der Kiter alles andere selbst, so kommt es auch nicht zu Komplikationen durch mangelnde oder fehlerhafte Kommunikation. Ein gewünschter Startabbruch wird in der Regel durch „Kehle durchschneiden“ mit der Hand signalisiert. Daraufhin wird der Kite wieder auf den Boden gelegt. Natürlich können hier auch andere Zeichen eingesetzt werden. Deren Bedeutung sollte nur beiden beteiligten unmissverständlich klar sein. Zur Landung, die der Kiter durch Klopfen mit der flachen Hand auf seine Schädeldecke symbolisiert, nimmt der Helfer den Kite an der Fronttube entgegen und bringt ihn in Trageposition, sobald der Pilot die Leinenspannung löst. Das war es dann auch schon.

Hört sich zunächst ziemlich einfach an. Der Teufel steckt allerdings im Detail, denn alleine das Finden der richtigen Startposition kann zu einem echten Problem werden. Hieran scheitern selbst erfahrene Kiter immer wieder, was man an Spots überall auf der Welt beobachten kann. Dann schnauzen Kiter ihre Starthelfer an, die völlig überfordert versuchen, einen Kite tief in der Softzone zu bändigen. Sie sollen gefälligst vor, zurück oder mehr zur Seite gehen. Meist wird diesem Wunsch durch wilde Gesten und Kopfschütteln Nachdruck verliehen. Dabei kann es so einfach sein. Der Pilot hat alles in der Hand und müsste sich in solch einem Moment lediglich beherzt ein, zwei Schritte auf den Kite zubewegen. Der wäre aufgrund der gelösten Leinenspannung sofort ruhig und man könnte die ganze Positionierung nochmal überdenken. Stattdessen führen solche Situationen besonders bei Pärchen immer wieder zu äußerst schlechter Stimmung.

Für die Zielvorstellung: Der Kiter und der Schirm sollten sich ungefähr auf Halbwindkurs zueinander befinden. Bedeutet, dass eine imaginär gezogene Linie zwischen Pilot und Kite im 90-Grad-Winkel zum Wind verlaufen würde (Bild 2). Je nach Windstärke und Kitetyp etwas mehr oder weniger, aber dabei handelt es sich dann um Feintuning, das erfolgen kann, sobald die grobe Position gefunden ist.

Die Ausgangslage sieht im besten Fall so aus, dass sich der Kite in Luv und die angeleinte Bar in Lee befindet. Der Kiter checkt zunächst die Leinen, hängt dann die Safety Leash ein (Bild 3) und greift nur am Chickenloop! Daraufhin läuft er mit dem Chickenloop in der Hand auf den Schirm zu (Bild 4), bleibt auf halbem Weg stehen und checkt die Windrichtung sowie den Halbwindkurs. Erst dann hebt der Helfer den Schirm vom Boden auf. Der Kiter läuft auf Halbwindkurs nach außen, bis die Leinen leicht auf Spannung kommen.

Indem zunächst auf den Schirm zu und erst dann nach außen gegangen wird, verdrehen sich die Leinen nicht so leicht und auch dem Einsammeln von Seegras, Ästen oder anderen Gegenständen wird vorgebeugt.

Schritt für Schritt tastet sich der Kiter nun in Richtung der Startposition nach Luv vor. Dabei ein-, zweimal kurz innezuhalten und den Halbwindkurs zu ermitteln, kann nur von Vorteil sein und hilft dabei, den häufigsten Fehlern aus dem Weg zu gehen. So bald die Leinen leicht auf Spannung kommen, wird der Chickenloop mit einer Hand hochgehalten und solange sich der Kite noch in Luv des Fahrers – also, außerhalb des Windfensters – befindet, geprüft, ob die Leinen womöglich verdreht sind (Bild 5). Ist alles in Ordnung, kann der Chickenloop im Trapezhaken eingehängt werden. Vorsichtig bewegt sich der Kiter nun weiter Richtung Luv auf Halbwindkurs, wobei eine Hand am Chickenloop verbleibt, die Bar noch nicht angefasst wird, die Leinen aber leicht auf Spannung sind (Bild 6). Sobald der Kite aufhört stark zu flattern, ist die optimale Position erreicht. Mit nur einer Hand wird nun die Bar an der Seite gegriffen, die zum Startvorgang angesteuert werden soll, und leicht herangezogen, bis das Profil des Kites sauber angeströmt wird und nichts mehr flattert (Bild 7). Die andere Hand verbleit zur Sicherheit am Quickrelease des Chickenloops.

Dabei ist es im Zweifelsfall sicherer etwas zu weit nach Luv zu gehen, als zu weit in Lee zu stehen, weil der Kite dann auf keinen Fall durch einen Backstall nach Lee fallen und und unkontrolliert durch das Windfenster purzeln kann. Ein letzter Check lässt sichergehen, ob der Chickenloop richtig eingehängt ist, in Lee niemand im Weg steht und ein sicherer Start möglich ist. Daumen nach oben bedeutet die Startfreigabe für den Helfer (Bild 8). Nach wie vor hält der Kiter die Bar nur an der einen Seite, während die andere Hand auf dem Quickrelease des Chickenloops verbleibt (Bild 9). Behutsam wird die obere Steuerlinie auf Spannung gehalten, wodurch der Kite seinen Flug entlang des Windfensterrands in Richtung Zenit startet. Erst wenn er die Elf- beziehungsweise Ein-Uhr-Position erreicht hat, wir auch die zweite Hand an die Bar genommen. Auf diese Weise ist eine schnelle Reaktion des Kiters möglich, wenn es zu Komplikationen beim Startvorgang kommen sollte. Die Hand am Quickrelease kann im schlimmsten Fall Leben retten. Denn wenn der Kite außer Kontrolle geraten sollte und der Pilot beide Hände and der Bar hat, ist die erste Reaktion häufig, die Bar heranzuziehen, sich festzuhalten. Das macht im Notfall natürlich alles nur noch schlimmer und hat bereits böse Unfälle nach sich gezogen. Ganz fatal ist es, mit der freien Hand ein Board zu halten.

Sollte der Kite anfangen, stark zu ziehen, wandert die Hand mit dem Board aufgrund der Massenträgheit des Boards noch viel weiter vom Quickrelease und ein schnelles Auslösen wird fast unmöglich. Daher gilt: direkt nach dem Startsignal die freie Hand an das Quickrelease!

Zum Abschluss der Session steht die Landung auf dem Programm. Hierfür wird zunächst der Kite mit beiden Händen an der Bar auf die Ein- beziehungsweise Elf-Uhr-Position geflogen. Dann erfolgt die erneute Orientierung nach dem Halbwindkurs, denn der Kite wird abhängig von der jeweiligen Leinenlänge etwa in 25 Meter Entfernung auf Halbwindkurs nach unten kommen. Die flache Hand auf dem Kopf signalisiert dem Helfer das gewünschte Landemanöver (Bild 10). Die obere Hand verbleibt an der Bar und hält die entsprechende Steuerleine leicht auf Spannung, während die freie Hand auf das Quickrelease am Chickenloop gelegt wird. Falls etwas schief gehen sollte, ist sie genau da, wo sie sein muss, um den Schirm schnell auslösen zu können. Langsam wird der Kite nun am Windfensterrand nach unten gesteuert, bis der Helfer ihn sicher gegriffen hat.

Dann nur noch das Quickrelease auslösen und auf Halbwindkurs auf den Kite zubewegen. Auch wenn das Auslösen des Quickrelease nach der sicheren Landung so manchem Akteur unnötig erscheint, bietet es gleich drei elementare Vorteile. Die Leinenspannung ist auf diese Weise sofort weg, was durch die Bewegung auf den Kite zu noch unterstützt wird. Falls der Helfer einen Fehler macht und den Kite unerwartet loslässt, hängt der Schirm außerdem nur noch auf der Safety-Leine und ist damit außer Kontrolle geraten nicht so gefährlich für den Kiter und die Umstehenden. Zudem wird die Bedienung des Quickrelease damit regelmäßig trainiert und die Funktion überprüft. Diese Vorgehensweise hätte einige schwere Unfälle verhindern können und ist ganz besonders an Start- und Landeplätzen mit begrenztem Platz und starker Frequentierung zu empfehlen, auch fortgeschrittenen Fahrern. Lieber 100-mal zu viel beim Landevorgang ausgelöst, als einmal unkontrolliert über den Strand gezogen worden. Denn dieses Erlebnis möchte kein Kitesurfer machen.

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